Bei Mutter macht meine Existenz einen Quantensprung. Ich bin und bin gleichzeitig nicht. Vollkommene Präsenz bei gleichzeitiger Abwesenheit. Als wäre das eigene Sein eine Frage der Perspektive. Aber es geht hier nicht um mich. Ich ist nur der Wunsch nach einer Erzählstimme, jener Instanz, die alles zusammenfügt, oder wenn nötig auseinanderhält, eine Stimme, die mehr ist als Ich, die mehr weiss als ich, die mehr ist als Mensch. Der Wunsch, die Welt durch die Brille der irdischen, mütterlichen Bindung zu beschreiben und gleichzeitig, alles aus einer übergeordneten Perspektive.
Jetzt bin ich zum ersten Mal an diesem Ort, wo Mutter schon so oft war. Das Problem des ersten Mals. Man versteht alles auf Anhieb, aber stellt sich ungeschickt an. Ich sage Hallo und wie geht es dir. Mir erscheint das angemessen. Was Mutter antwortet, könnte vieles sein: Das Essen ist gut. Das Essen ist schrecklich. Du siehst müde aus. Bestimmt sagt sie nicht, du bist dick geworden oder dünn. Es spielt überhaupt keine Rolle, was gesprochen wird zwischen Mutter und Tochter. Es ist aber auch nicht klar, worauf es denn ankommt. Wir üben ja erst, zu begreifen, was hier läuft, zum ersten Mal.
Versuchen wir es damit. Ich bin der Mond, der um Mutter Erde kreist. Verlasse ich meine Umlaufbahn nicht, geht die Sache gut, einigermaßen.
Oder Räume. Vielleicht ist es das, was sich an diesem Ort für mich zum ersten Mal bemerkbar macht: ein Bewusstsein für Räume, oder eine Ahnung davon, dass hinter dem vermeintlich bekannten Mutter-Raum ein weiterer existiert und noch einer, eine Unzahl von Räumen, die bis ins Unendliche reichen. Mit diesem Bewusstsein auch eine vage Erkenntnis, dass die Räume keine verschlossenen Kapseln sind, dass sie ineinandergreifen auch in meine hinein. Und ein leiser Verdacht - eine Befürchtung oder Hoffnung - dass sich die Räume auflösen, eins werden. Erst wenn wir näher rücken, reinzoomen, kleinteiliger und beschränkter werden, zerfällt das grosse Ganze in einzellige Ichs.
Was sich auch zum ersten Mal bemerkbar macht: Die Neugierde auf deine Geschichte, Louise. Dafür nehme ich sogar Akten in Kauf. Maschinengeschriebene A4-Seiten, schlecht kopiert, die Wörter an den Rändern teilweise abgeschnitten. Eine Sprache so beamtenmässig trocken, dass die Worte, selbst wenn sie verständlich sind, keine Bilder generieren. Wer schreibt so was? Wer steckt hinter den Namen Schwester R. und Dr. H.? Was liebten diese Menschen und wovor fürchteten sie sich? Was verbergen sie von sich, wenn sie eine Krankengeschichte über Patient XY anlegen? Es ist dieses Verschwiegene, dieses Nicht-Erzählte, das mitgedacht werden muss. Ich muss mich durch den Wust an Gedanken und historischer Gebundenheit hindurchwursteln. Auch muss ich meine eigene Situation in Betracht ziehen, mein junges Alter von 24 Jahren, den eben erlittenen Verlust eines geliebten Menschen, was mich reizbar und sentimental macht. Die Ungewissheit meines Körpers, der dabei ist, sich zu vervielfältigen.
Dann, wenn ich abstrahiere und mich löse, wenn ich über diesen Aktenzeilen in Serifenschrift träume, dann höre ich die Stimmen aus deinen Räumen, Louise. Dann ziehen Bilder auf wie Sturm und Sterne.