Das war der geniale Titel eines der letzten Werke von Hugo Loetscher, der mich von jeglichem Aktivismus befreite. Lesen gehört zum Schreiben wie das Ein- zum Ausatmen, der Flügel zum Falter, der Gedanke zum Gehirn. Wer schreibt, liest. Die Lesevorlieben und Gewohnheiten sind wohl so bunt und vielfältig wie es Köpfe gibt. Ich selbst bin eine querfeldein Leserin. Ich lese, was mich anspringt oder mir ins Herz fällt, wie etwa jener erste Satz eines gigantischen Romanwerkes, das später super berühmt werden sollte, was ich damals aber noch nicht wusste. Da war nur dieser erste Satz und mich hat es erwischt: «Für das Herz ist das Leben einfach, es schlägt so lange es kann, dann hört es auf.»
Oft habe ich mich gefragt, ob es sinnvoll wäre, sich eine gewisse Systematik beim Lesen anzueignen. Etwa alle Werke einer Autorin zu lesen oder die besten Neuerscheinungen in einem Jahr. Ob sich das irgendwie auf mein Schreiben auswirken würde oder auf mein Denken, ob sich mein Geschmack, meine Gesinnung veredeln würde? Keine Ahnung. Nur, meine Disziplin für systematisches Lesen ist reichlich klein. Ich könnte nicht einmal meine Vorliebe beim Lesen beschreiben. Zwar gibt es Autoren und Autorinnen, zu denen ich in unregelmässigen Abschnitten immer wieder zurückkehre. Olga Tokarczuk gehört sicher dazu, Annie Erneaux lese ich immer gern und heute habe ich aus unserem Büchergestell gezogen: «Hochzeit des Lichts». Albert Camus ist wie eine schöne Jugenderinnerung. Und egal, wo ich den Essayband aufschlage, das Offene, Weite leuchtet mir aus den Sätzen entgegen:
«..blickte ich in der Mittagsstunde auf das Meer, das sich kaum bewegte, und löschte jenen zweifachen Durst, den man nicht lange hinhalten kann, ohne dass unser Wesen ausdörrt: zu lieben und zu bewundern.
Denn, nicht geliebt zu werden ist nur misslicher Zufall, nicht zu lieben jedoch ist Unglück.»
Oh! Wie beiläufig dieser letzte Satz daherkommt, beinhaltet er doch eine ernüchternde Wahrheit. Ob wir wollen oder nicht, wir können es nicht steuern, geliebt zu werden. Wir können uns noch so anstrengen, sogar über das Mass unsrer Kräfte gehen. es gibt keine Garantie für unser Bemühen. Aber ob wir lieben und bewundern oder oder ob wir unser Wesen ausdorren und verkümmern lassen, das liegt in unserer Macht.
Ich will mehr von diesen leuchtenden Sätzen und blättere weiter und stosse auf diese Beschreibungen des Lichts:
«Vom Himmel, der morgendlich rein und frisch war, kam ein flimmerndes Licht, das jedem Haus, jedem Baum eine sichtbare Zeichnung gab, eine wundersame Neuheit. (...) In diesem Licht und in diesem Schweigen zerrannen langsam die Jahre der Raserei und der Nacht. Ich lauschte in mir einem fast vergessenen Klang, als finge mein Herz nach langem Stillstehen ganz sachte wieder zu klopfen »